Rezension zu: Gomorrha
“Trotz seiner erzählerischen Form ist Savianos Buch eine präzise Dokumentation, eine gelungene Mischung aus Faktentreue und literarischer Brillanz.” Arnaldo Benini, Neue Zürcher Zeitung am Sonntag, 16.09.07 “Ein seltenes Stück investigativer Journalismus.” Steffen Richter, Die Welt, 21.08.07 “Eine große Reportage über die Macht der Camorra und den Sog den Illegalen. Gründlich recherchiert und atemlos geschrieben.” Birgit Schönau, Die Zeit, 23.08.07 “Die Zuhörer lauschen ihm wie einem Forscher, der von Expeditionen in die unentdeckte Wildnis berichtet.” Marc Widmann, Süddeutsche Zeitung, 05.12.07 “Packender Reportageroman über das Krakensystem der Camorra, das mehr Mordopfer gefordert hat als die sizilianische Mafia.” >>Quelle: Artikel aus: “Der Spiegel, 51/2007″<<
Autoren-Porträt von Roberto Saviano:
Roberto Saviano, wurde 1979 in Neapel geboren und arbeitete nach seinem Studium der Philosophie als Journalist für die Verlage “Il Manifesto”, den “Corriere del Mezzogiorno” und “L’Espresso”. Für “Gomorrha”, sein erstes Buch, erhielt er 2006 den Premio Viareggio.
Reflexion:
Ich habe das Buch ursprünglich als Geschenk für jemanden gekauft, doch es ist beim Heimweg aus welchem Grund auch immer blau angelaufen. Mir hat das Buch deshalb sehr gut gefallen, weil es eine einzigartige Mischung aus Dokumentation und spannendem Action-Thriller ist. Die Wirklichkeit in voller Spannung: Wie es wirklich zu geht und wer dahinter steckt. Wie das, von ihm so oft erwähnte “System” funktioniert, wie, wer es wann erbaut hat. Noch nie waren Namen und Daten so interessant. Einblicke erhält man beispielsweise an den Stellen, wo Roberto den Jugendlichen einen MP3 Player abkauft, welcher vorher einem Wachtrupp der Camorra gehörte, die überall in der Stadt Casale di Principe stationiert sind, und dann neapolitanische Schnulzen und Liebeslieder statt Heavy- Metal und Gangster Rap hört – Mord und Totschlag gehören bereits zum Alltag des Geschäfts. Oder wie man neu gestrecktes Kokain an Heroinsüchtigen testet ohne Rücksicht auf deren Leben, und das nur, weil der Heroinmarkt zusammenbricht. Das kaltblütige Experimentieren und Austesten am Verhältnis des reinen Kokains zum Streckmittel, welches in zu hoher Dosis tödlich ist, jedoch immer in hoher Menge genommen geschieht aus einem Grund: Zur Aufbesserung der Handelsbilanz. Verwundert ist warscheinlich so mancher Leser an der Passage, wo Standorte des Vertriebs und involvierte Marken auftauchen, wie z.B. Armani, Dolce & Gabbana, Diesel u.vm. unter anderem auch in Wien. Immer wieder gibt es Stellen wo man schmunzeln muss, weil die Wahrheit einfach zu pervers ist. Einerseits scheinbar komisch (Roberto´s Freund der nach Russland fliegt um sich bei General Karlaschnikow für seine Erfindung der AK47 zu bedanken, nachdem er diese als Geschenk seines Clans für guten Umsatz und Treue bekommen hatte), andererseits der blanke Wahnsinn (Fast tägliche, grausame Verstümmelungen verschiedenster Bosse mit Motorsägen, unterirdische Tunnelsysteme der Villen und Gefechte mit Carabinieris in hoffnungsloser Unterzahl). Der Müllverbrennungsskandal, den ich in den Nachrichten mitverfolgt habe, wurde mir wieder ins Gedächtnis gerufen, als Roberto die heimlichen Giftmülltransporte von Nord nach Süd aufdeckt. Und schwer zu verstehen ist die Tatsache, dass nicht Geld, Ausbildung oder gar Immboilien Grundlage für ein erfolgreiches Leben sind, sondern Beton. Der graue Zement der Baufirmen eröffnete den Mafiosi über geschmierte Bürgermeister einen Weg in die Bau- und Projektwirtschaft ganzer Stadtteile. Weiter erklärt er warum regelmäßig verhaftete/getötete Bosse immer wieder ersetzt werden. In einer Gegend wo der Tod gegenwärtig ist, lautet das Motto wohl “Alles oder Nichts”. Zum anderen zieht sich durch den gesamten Text das, der Mafialiteratur eigene gewagte Element, zu stark durch. Schon zu Beginn, die Schilderung der gefrorenen Koerper, die beim Loeschen einer Schiffsladung zu Boden fallen, wobei dann die Koepfe zerplatzen wie Melonen, hat keinerlei weitere Funktion im Buch und war auschliesslich gedacht, die Verkaufszahlen zu steigern. Und es gibt weitere Stellen im Buch dieser Art. Man muss selbst entscheiden, was man ihm abkaufen kann und was nicht. Seine Aussage, die Literatur als Waffe gegen die Camorra einsetzen zu wollen, da er dies als effektiver erachtet, als die herkoemmlichen, von ihm stark bemänglten strafrechtlichen und kriminalistischen Methoden, sollte er auch noch anders rüberbringen. Alles in allem jedoch ein äußerst lesenswertes Buch.
Zitate:
Komm zu uns, sonst müssen wir dich am Ende töten, oder du mich. -Von der Gomorrha rekrutierte Jugendliche in Neapel
Wir verlieren unser Ansehen im Bezirk, wenn wir die beiden Jungen töten.
Aber es muss sein. Ich habe sie gewarnt, und ich habe hier das Sagen.
Dann informieren wir wenigstens ihre Eltern bevor wir es tun. -anonyme Auftragskiller
Verdammt, ich lebe noch! -Roberto Saviano am Ende des Buches
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